Zigarrenmacher in Achim –
Motor der Stadtwerdung und Keimzelle der Arbeiterbewegung


(von Karlheinz Gerhold)

Teil I
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erreicht die Industrialisierung Achim.

Ab 1830 siedeln sich im Raume Achim einige Ziegeleien an. Im Jahre 1847 wird die Eisenbahnstrecke Bremen-Hannover eröffnet. Damit findet Achim Anschluss ans Industriezeitalter. Seine Stadtwerdung verdankt Achim allerdings einem gänzlich andren Umstand. Ausgelöst wurde dieser Prozess und in seinem Gefolge die rapide Zunahme der Bevölkerungszahl durch den Beitritt des Königsreichs Hannover zum Deutschen Zollverein, der bereits seit dem 1.1.1834 bestand. Das Königreich Hannover und damit Achim schlossen sich dem Zollverein erst 1854 an. Achims große Nachbarstadt Bremen folgte jedoch erst im Jahre 1888, und zwar nach zähen und langwierigen Verhandlungen. Bis dahin nutzten die Bremer den Zollausschluss als Vorteil für den Export in alle Welt. Viele Produkte wurden daher nur für den eigenen Bremischen Bedarf oder den Export ins Ausland hergestellt. Das galt auch für Zigarren.

Mit dem Zollanschluss Hannovers zum 1.1.1854 wurde mit einem Male die Produktion der Zigarren – sei es in Heimarbeit oder in Fabriken – für die Bremer Zigarrenfabrikanten im Hannoverschen "Ausland" – so auch in Achim – preisgünstiger.

Bereits 1853 gründeten Dreyer & Pollius die erste Fabrik in Achim.
1854 folgten weitere 3. Auf dem Höhepunkt der Produktion im Jahre 1914 gab es 19 Fabriken in Achim. Namen wie Rösner & Co., Beyer & Brockmann, Bade & Burger, Ballin, Müller & Wöltjen, Grone und Krudup prägten lange Zeit die Achimer Wirtschaftswelt. Von 1852 bis 1855 stieg die Einwohnerzahl Achims allein um 583 Personen auf 2280, im Jahre 1914 waren es 3700. Aus heutiger Sicht sind die Achimer Zigarrenarbeiter fraglos als Keimzelle der hiesigen Arbeiterbewegung zu bezeichnen. Mit dem Zustrom der Arbeitskräfte kam auch politische, gewerkschaftliche, kulturelle und sportliche Bewegung nach Achim. Die Zigarrenarbeiter prägten auch das gesellschaftliche Leben. Sie waren beteiligt an den Gründungen der ältesten Achimer Vereine: Gesangverein "Thalia" (1854), Schützenverein (1857), Turnverein (1860), Turnverein "Gut Heil" Achim (1867).

Auch war das politische und soziale Engagement der Zigarrenarbeiter bemerkenswert. Zigarrenarbeitervereine, deren obersten Ziel das moralische und materielle Wohl der vereinigten Arbeiter war, gab es bereits vor 1850. Sie hatten sich 1848 in Berlin als "Association der Cigarrenarbeiter Deutschlands" zusammengeschlossen und 1000 Mitglieder in 40 Orten. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Regierungen scharf gegen Organisatiosversuche der Arbeiterschaft vorgingen. So waren die Arbeitervereine mehrmals aufgelöst worden und konnten nur getarnt, z. B. als Gesangvereine, weiterarbeiten.

Zigarrenarbeiter waren es auch, die 1865 die erste deutsche Gewerkschaft, den Allgemeinen Deutschen Cigarenarbeiterverein (ADCAV) gründeten. Sie wurden damit die Pioniere der deutschen Gewerkschaftsbewegung. In Achim ist bereits für das Jahr 1854 eine "Kranken- und Sterbekaße für Cigarren und Tabaks Arbeiter", die erste Achimer Krankenkasse, bezeugt, die 1884 in eine gesetzliche Pflichtversicherungskasse umgewandelt wurde. Vorsitzender war der Zigarrenfabrikant Gottlieb Behr aus der Paulsbergstraße. Daneben gab es als reine Selbsthilfeeinrichtung den "Hülfsverein vür verheiratete Cigarren und Tabakarbeiter" in Achim, erstmals 1866 erwähnt und erst 1931 aufgelöst.

Praktisch von Anfang an dürfte es in Achim eine Ortsgruppe des ADCAV gegeben haben. Als Leiter der hiesigen Zahlstelle wird Leopold Lingner, die wohl herausragendste und schillernste Persönlichkeit der Achimer Arbeiterbewegung, genannt. Gustav Deckwitz, der Gründer des sozialdemokratischen Wahlvereins Bremen, berichtet 1866 im "Vereins-Theil" des Social-Demokrat, der Zeitung der Lassalleaner, über die Gründung von Vereinigungen im Raum um Bremen. In diesem Zusammenhang schreibt er: "Außerdem sind Anfragen aus Vegesack und Achim an mich um Schriften eingegangen, aber leider sind augenblicklich unsere Kassenverhältnisse zu schwach, um Schriften beziehen zu können." Das bedeutet, dass es damals schon eine Achimer Arbeiterbewegung gab. Die Zigarrenarbeiter waren auch in Achim Vorkämpfer und Wegbereiter der Arbeiterbewegung und der Sozialdemokratie, sozusagen die Urzelle der hiesigen Sozialdemokratie. "Der Botschafter", Organ der deutschen Zigarrenarbeiter berichtet in seiner Ausgabe Nr. 10 vom 9. März 1867 über eine Versammlung des Zigarrenarbeitervereins in Achim. H. Möller unterzeichnete als Bevollmächtigter des Vereins diesen Artikel.

Achim gehörte schon 1866 diesem Verein an, wie aus einer Abrechnung von F.W. Fritzsche, dem Vorsitzenden dieses Vereins und Mitglied bei den Lassalleanern, vom 2.3.1867 hervorgeht. Im selben Jahr schrieb Fr.W. Seiler aus Achim gegen die Hausarbeit der Zigarrenarbeiter und für Associations-Fabriken. Der Genossenschaftsgedanke war damit auch in Achim aktuell.

Auch in Achim gab es eine Ortsgruppe des 1863 in Leipzig von Ferdinand Lassalle gegründeten "Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV), dessen Zielsetzung nicht in erster Linie gewerkschaftliche Forderungen, sondern allgemein politische waren, unter anderem die Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts. So ist es auch im Artikel 1 des Status festgelegt:

Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein
Status § 1:
"Unter dem Namen "Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein" begründen die Unterzeichneten für die Deutschen Bundesstaaten einen Verein, welcher, von der Überzeugung ausgehend, daß nur durch das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht eine genügende Vertretung der sozialen Interessen es Deutschen Arbeiterstandes und eine wahrhaftige Beseitigung der Klassengegensätze in der Gesellschaft herbeigeführt werden kann, den Zweck verfolgt, auf friedlichem und legalem Wege, insbesondere durch das Gewinnen der öffentlichen Überzeugung, für die Herstellung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts zu wirken."

Der ADAV Achim gründete sich am 8. Juni 1868. Das ergibt sich aus einem Bericht im "Social-Demokrat", der sozialdemokratischen Arbeiterzeitung, vom 12.6.1868:

"Achim, 8. Juni. (Neue Ausbreitung des Vereins.) Das Lesen eines Exemplares des "Socialdemokrat" erweckte unter den hiesigen Arbeitern zuerst das Bewußtsein ihrer Klassenlage. Dann begannen wir unermüdlich fort und fort zu agitieren und brachten es in diesem Quartal schon so weit, daß nun 5 Exemplare des Parteiorgans in unserem Kreise gehalten werden, durch welche die Erkenntnis sich immer weiter Bahn bricht. Heute Abend hielten wir dann unsere erste Versammlung ab. Dieselbe wurde von Herrn Hollmann und dem Unterzeichneten um 8 ½ Uhr eröffnet. Wir legten die Prinzipien des Vereins dar, sprachen über das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht und forderten die Anwesenden zu einem einigen, festen Zusammenwirken und zum Eintritt in den Allg. deutsch. Arb.-Verein auf. Die Versammlung hatte ein sehr erfreuliches Resultat, indem sich 52 Arbeiter in die Vereinslisten einzeichneten. Alsdann wurde zum Bevollmächtigten der Schmiedemeister Herr Wilhelm Schomburg vorgeschlagen. Es wurden hierauf gewählt zum Schriftführer der Unterzeichnete, zum Cassirer Herr Heinrich Oetchen, zu Revisoren die Herren Krüger und J. Holste. Schließlich brachten die Versammelten Hochs auf den Allg. deutsch. Arb.-Verein und dessen Präsidenten Dr. H.B. v. Schweitzer aus. Nächsten Montag halten wir wieder eine öffentlicher Versammlung bei unserem Cassirer Herrn Gastwirth Oetchen ab.
Mit social-demokratischem Gruß und Handschlag
Alois Mechler, Schriftführer"

Auch im ADAV Achim sind die Zigarrenarbeiter die führenden Kräfte. Neben der politischen Arbeit, z.B. im Gemeindeausschuss, steht in dieser Anfangszeit der Arbeiterbewegung die solidarische gegenseitige Unterstützung der Arbeiter untereinander im Mittelpunkt der Tätigkeit vor Ort. L. Brandt war 1868 Bevollmächtigter des Zigarrenarbeitervereins in Achim. Conrad Meyer aus Achim spendete 14 Fr. 69 Cts. Für die ausgesperrten Seidenfärber und Bandweber in Basel, wie das Verzeichnis der vom Generalrat der Internationale eingeleiteten Sammlung vom 4. März 1869 ausweist. Conrad Meyer trat im Mai 1869 als Rechnungsführer des Komitees der streikenden Zigarrenarbeiter in Achim auf und war neben Leopold Lingner wohl die herausragende Persönlichkeit der Achimer Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts.

1868 wurde der ADAV Achim in die Generalversammlung des ADAV aufgenommen und dadurch Mitgliedsverband mit Stimmrecht.
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